Kritische Politische Ökonomie.

Die Analyse der komplexen Zusammenhänge von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft unter dem Blickwinkel der Kritischen Politischen Ökonomie kann auf Karl Marx und Friedrich Engels zurückgeführt werden. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts entwarfen die beiden ein umfassendes Analysetool, welches sich unter Anderem mit der zentralen Frage, wie im Kapitalismus Mehrwert erwirtschaftet und verteilt wird, beschäftigt. Die theoretisch fundierten Ansätze, rund um Produktionsweise und Klassenfrage, sind auch heute noch global anerkannte, wissenschaftliche Instrumente zur kritischen Auseinandersetzung mit der Entwicklung des menschlichen Zusammenlebens im weiteren Sinn. Zahlreiche neue Ansätze und Theorien konnten auf Basis der Kritischen Politischen Ökonomie entstehen. Dazu zählt auch die Regulationstheorie, welche eine auf die heutige, neoliberale Spielart des Kapitalismus spezialisierte, Aktualisierung darstellt. Besonders auf die Rolle der Städte fokussiert ist zum Beispiel die kritische Stadtforschung bzw. radical geography, welche aktuell einen gewissen Boom erfährt. Insbesondere die Möglichkeit diese verschiedenen, etablierten marxistischen Ansätze transdisziplinär kombinieren zu können, macht ihre analytische Stärke aus.

Hinweis in eigener Sache

Wichtig zu erwähnen ist auch, dass sich die grausame Diktaturen unter der Verbrechensherrschaft von Stalin, Mao und aktuell Nordkorea, gerne auf ihre eigene Interpretation marxistischer Werke berufen. Nicht nur wurden auf diese Weise unfassbare Verbrechen zu legitimieren versucht, sondern auch auf wissenschaftlicher Ebene eine extreme Verunglimpfung und Perversion betrieben. Nichtsdestoweniger, tut dieser Missbrauch der Verwendung anerkannter wissenschaftlicher Ansätze keinen Abbruch: Im Gegenteil, mit Hilfe der wissenschaftlichen, marxistischen Analysetools kann ein unschätzbarer Beitrag zur Offenlegung von wirtschaftspolitischen Implikationen und gesellschaftlichen Machtungleichheiten dargebracht werden. Der kritischen Politischen Ökonomie liegt ein emanzipatorisches und aufklärerisches Potential inne, welches jedweden Diktator zu erschaudern im Stande ist.


Eine Frage der Klasse.

Um die Beschaffenheit einer Gesellschaft und ihres wirtschaftlichen Systems nun genauer analysieren zu können, kann es hilfreich sein die jeweilige Bevölkerung konzeptionell in zwei Gruppen ("Klassen"), welche unterschiedliche Positionen bezüglich der Produktionsweise innehaben, zu unterscheiden. Die Lohnabhängigen sind jene große Mehrheit der Menschen, welche ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, um Geld fürs (Über-)Leben zu verdienen. Die Kapitalisten dagegen besitzen so viel Kapital, dass sie nicht selbst arbeiten müssen. Denn mit Hilfe ihres Kapitals kaufen sie beispielsweise Unternehmen und bestimmen dann darüber wer, wie und um wie viel Geld für sie bzw. das ihnen gehörende Unternehmen arbeiten darf. Werden die, durch die Arbeiter bzw. Angestellten erzeugten, Produkte oder Dienstleistungen verkauft, bekommen diese zwar einen Teil des Gewinns als Lohn ausbezahlt, der Großteil des Profits geht allerdings an die Eigentümer des Unternehmens (z.B. Aktionäre). Dabei ist es für eine politökonomische Analyse in erster Linie nicht wichtig, ob diese ungleiche Aufteilung des Gewinns moralisch korrekt ist. Wichtig ist, dass diese in kapitalistischen Gesellschaften immer stattfindet. Denn daraus ergibt sich der oft als "Klassenkampf" bezeichnete Interessenskonflikt zwischen Kapitalisten und Lohnabhängigen: Die einen wollen tendenziell immer mehr Profit machen (um gegenüber den anderen Kapitalisten konkurrenzfähig zu bleiben), die anderen wollen über die Bedingungen, wie mit Hilfe ihrer Arbeitskraft der Profit erzeugt wird, und wie dieser Gewinn danach verteilt wird, mitbestimmen. Der Staat funktioniert in diesem Konflikt wie eine Art Arena, in der diese Interessenskonflikte zwischen Kapitalisten und Lohnabhängigen ausgetragen werden. Der Staat kann durch bestimmte Regelungen (Regulation) einen Interessenausgleich erwirken, in dem zum Beispiel die maximale Arbeitszeit begrenzt wird oder ein Mindestlohn festgelegt wird. Der Staat kann aber auch einseitig handeln, in dem er sich zum Beispiel aus diesen Konflikten zurückzieht: Aufgrund der Notwendigkeit der Lohnabhängigen für ihr Überleben arbeiten zu müssen sind diese gegenüber den Kapitalisten stets schlechter gestellt. Gibt es keine Kraft die hier eingreift (wie zum Beispiel ein Sozialstaat, der durch Arbeitslosengeld und andere Leistungen das Überleben der Lohnabhängigen absichern kann), kommt es zu einem immer größer werdenden Ungleichgewicht im Machtverhältnis der beiden Klassen.


Neoliberal, marktradikal, fatal.

Einige, besonders radikale Anhänger des freien Marktes, haben deshalb ihre eigenen Theorien entwickelt, mit deren Hilfe sie versuchen ihre Ansicht weltweit politisch durchzusetzen. Diese radikale Strömung wird oft unter dem Label "neoliberal" zusammengefasst. Den Neoliberalen geht es dabei im Kern immer um die gleiche Sache: Der Staat soll sich aus der Wirtschaft ("dem Markt") möglichst zurückziehen. Dazu zählen sie auch den Abbau von Sozialleistungen, denn diese würden ja auf das Kräfteverhältnis am Markt verzerrend wirken. Das Ziel der Neoliberalen ist dabei klar: Sie wollen die Position der Kapitalisten gegenüber der großen Mehrheit der Menschen, die auf Arbeit angewiesen ist, weiter stärken. Diese Ideologie konnte sich seit der Krise des keynesianischen/fordistischen Modells ("soziale Marktwirtschaft") ab den 1970ern langsam weltweit ausbreiten. Die Stärke des Neoliberalismus ist wohl, dass er mit sehr einfachen, vermeintlichen Lösungen (á la "der Markt entscheidet am besten")  seine unwissenschaftlichen und extrem ideologischen Hintergründe ("macht die Reichen reicher") verschleiern kann. Zugleich wird das permanente Scheitern seiner Versprechungen (zb. trickle down theory) gerne auf äußere Umstände wie etwa "ineffiziente Staaten", "bremsenden Gewerkschaften" oder "wirtschaftsfeindlichen Klimaschutzprogrammen" geschoben und damit wiederum die eigene Position untermauert. Problematisch ist, auch aus Sicht der Kapitalisten, dass der Neoliberalismus eine sehr instabile Wirtschaftsordnung schafft und sich auf lange Sicht selbst zerstört. Daher kommt es auch niemals zu einem reinen neoliberalen System (viel eher zu "real-existierenden Neoliberalismen"), denn dieses würde aufgrund seiner eigenen Schwächen nicht auf Dauer funktionieren. Auch ohne die massiven sozialen Ungleichheiten, die globale Massenverarmung und umfassenden Umweltzerstörungen, welche sich durch den neoliberalen Kapitalismus noch wesentlich verstärken, zu berücksichtigen, zeigt sich bereits die Brutalität und Unzulänglichkeit dieser Denkschule.